Clara Katharina Pollaczek an Arthur Schnitzler, 20. August 1928


Semmering, 20.8.1928. 8 Uhr abend.
Mein Liebes, und wieder ein Tag vorbei. Es ist wie ein Pensum, das man
absolviert hat und doch erscheint es mir fast undankbar, in dieser
wundervollen Gegend nicht froher zu sein.
Heute Früh bin ich wieder zum Frühstück in die Meierei gelaufen (es
ist halb so teuer wie hier im Hotel) und bin in der Sonne gesessen, bis
Emmy R. (wir hatten es telefonisch vereinbart) mich dort holte. Dann
gingen wir über eine Stunde lang weiter gegen den Orthof zu und zusam¬
men zurück und in das sogenannte Stüberl des Südbahnhotel, wo wir zu
Mittag assen. Ausgesprochenes Beisel, aber billig. Dann ging ich heim,
lag, schlief, las und dachte bis gegen 6 Uhr. Von ½7-½8 machte ich einen
kurzen Spaziergang auf die Hochstrasse und kaufte mein Nachtmahl ein -
Schinken und Obst, das ich soeben verzehrte. Später setze ich mich noch
eine Weile in die Halle hinüber, um nicht so allein zu sein. Meine ei¬
genen Kümmernisse, Sorgen etc. habe ich an eine Kette gelegt, wie böse Hunde, -
ich weiss von ihnen und dass sie sich losreissen und über mich her¬
fallen können. Aber ich will nur an Dich denken und das gelingt mir
sehr leicht, weil das fortwährends Umdichwissen schon so zu meiner
Existenz gehört.
Heute war ich natürlich ohne Nachricht von Dir, aber es konnte ja keine
kommen, da gestern Sonntag war. Morgen wird wohl ein besserer Tag.
Gestern Abend, als ich Emmys Anruf in der Halle erwartete, wurde dort
getanzt. Ich sah Edina, die Tochter der Mizi W. tanzen und ich sah sie
flüchtig auch vorgestern Abend. Auch über diesem kaum 16jährigen Wesen
steht irgend eine bedrohliches Schicksal, wenn auch anderer Art. Das
sage ich Dir heute. Von dieser Frühreife machst Du Dir keinen Begriff.
Arbeiten kann ich noch nicht. Ich habe heute das kleine Buch von Eulen¬
berg gelesen: »Alles um Liebe«, aber trotz Anerkennung, grosser Begabung
hat es mich nicht beglückt. Stark shakespearisierend, verworren und
monoton gleichzeitig. Aber vielleicht versteh ich nichts, ich bin ohne¬
dies schon ganz irre an mir, obwohl ich nie zu Ueberschätzung geneigt
habe. So und nun Schluss, damit der Brief heute noch fortgeht. Ich danke
zu dir hin in Sehnsucht und Liebe. Deine C.K.