Clara Katharina Pollaczek an Arthur Schnitzler, 2. Januar 1927

A.S. nach Berlin.

2.1.27. Wien.

Liebster,

das werden wohl die letzten Zeilen sein, die ich Dir nach
Berlin sende. Und da heute Sonntag ist werde ich sie erst morgen Montag
in der Früh absenden.

Wir haben uns eben telefonisch gesprochen und irgend etwas
im Nachgeschmack dieses Gesprächs macht mich nachdenklich. Du hast mir
glaube ich die theoretische Klarheit menschlicher Beziehungen vorgehal¬
ten, wenn nicht, als eine unrichtige Einstellung meines Wesens vorgewor¬
fen; eine Beziehung unklar, unrein machen (was eigentlich gleichbedeutend
wäre) kann Jeder, es hat dies nicht nur mit dem Wesen, sondern auch mit
dem Willen zu tun. Wenn ich die Nase in den Regen hinausstecke, so
darf es mich nicht wundern, wenn sie nass wird. Auch ich könnte in Ver¬
wirrungen und Unaufrichtigkeiten geraten, aber ich würde mir über die¬
sen Zustand klar sein und ihn auch dem andern Teil klar machen, wenn
ich dazu Veranlassung habe. Ich glaube, ich kann viel besser lügen und
unwahr sein als Andere wenn ich es einmal will. Und eben darum will ich
nicht.

Du sagst immer, ich missverstehe Dein Wesen. Ich glaube, dass
niemand Dein Wesen, Dich, Deine Arbeit so gut versteht als ich. Aber
eben deshalb finde ich diese gewisse Männchen-Eitelkeit und dieses Spiel
mit der Freiheit so unwürdig. Wir sind ja Beide Gottlob vollkommen frei
und die Gebundenheit ist eben ein freiwilliges Gefühl, ist – Liebe. Die¬
se Gebundenheit soll man heilig halten, so lange eben die Bindung, die
Liebe vorhanden ist. Eine andere gibt es nicht in meinen Augen. Aber
ein sich selbst und den Andern Beweisen-Wollen, dass man frei ist, heisst
beweisen wollen, dass es mit der Liebe nicht so weit her ist. Liebe
ist eben ein ganz grosses Format, das Verkleinerungen nicht verträgt -
es kommt dann immer etwas Missglücktes und Verzerrtes heraus.

Ich versichere Dich, ich würde es auch ganz gut treffen die