Arthur Schnitzler an Clara Katharina Pollaczek, 15. September 1926

Florenz, Grand Hotel Baldoni

15.9.1926.

(nach Wien, Pension Kramer)

Mein Liebes, ich habe Dir seit dem 12. nicht geschrieben – die Tage
waren ereignislos, wie sie unter gleichmässigen Verhältnissen so leicht
werden und gingen in gleicher Weise hin: Vormittag Strand, Bad; Nachmit¬
tag Arbeit und abends ein Spaziergang (seit jenem ins Land hinein
von dem ich Dir neulich geschrieben, immer allein) – auch das Geburts¬
tagsfest von Lili verlief ohne besondere Feierlichkeit (von einem etwas
ennervanten aber bald im Sand verlaufenden pädagogischen Gespräch ab¬
gesehen). Gestern Abreise nach Florenz. (Die Bahnzustände
Jämmerlich. Die Ueberfüllung so stark, dass die Corridore unpassierbar
waren.[)] Die Florentiner Landschaft empfing mich mit einem anfangs et¬
was verblassten Zauber. Ich eilte vom Hotel gleich zur Post, – ohne
dort irgendetwas von Dir vorzufinden. Hoffentlich heute morgen (ich
schreibe diese Zeilen vor dem Frühstück). Für heute Programm, dass ich
mit Lili allein in die Ufficien, Mediciesche Kapelle u. s. w.,
während die andern 3 Damen auf eigene Faust kunstwandern. Gestern
gegen Abend Viale dei Colli, San Minato, da war der Zauber wieder un¬
verblasst; ja, die Landschaft wundersamer als ich sie im Gedächtnis
behalten hatte. Morgen vielleicht Siena,– übermorgen nach Venedig.
Es wäre möglich, dass Lili dann noch 10-14 Tage mit O. in Venedig
bleibt, ich somit allein zurückkehre, hängt von den Wohnungsverhält¬
nissen bei Alma ab.

Es wird in diesem Augenblick genau 8 Tage, dass ich von Dir nichts
weiss – nun finde ich hoffentlich ein paar liebe Worte von Dir.
Sonntag hoff ich daheim zu sein. Und nun mein Liebstes umarme ich
Dich tausendmal. Auf ein schönes Wiedersehen! Dein A.